Fragt man einen erfahrenen Reisenden, was er über Taiwan weiß, folgen die Antworten einem vertrauten, köstlichen Muster: die überfüllten Gassen des Shilin-Nachtmarkts, die duftende Schüssel Rindfleisch-Nudelsuppe oder die unglaubliche Perfektion eines Ananaskuchens. Und damit läge er keineswegs falsch.
Doch Taiwans kulinarische Identität beginnt und endet nicht auf dem Teller. Schenken Sie sich einen Drink ein (vorerst nur im übertragenen Sinne) und bedenken Sie Folgendes: Dieselbe Insel, die der Welt Bubble Tea und Stinky Tofu geschenkt hat, produziert auch einen Whisky, der Schottland bei internationalen Wettbewerben übertrumpft, ein Bier, das so frisch ist, dass es nach achtzehn Tagen abläuft, und einen Sorghumschnaps, der so unglaublich stark ist, dass er einst als inoffizielle Währung einer Militärinsel diente. Taiwans Trinkkultur ist vielschichtig, überraschend und wie alles andere an diesem Ort unwiderstehlich entdeckenswert.
Die Kunst des gemeinsamen Trinkens in Taiwan
Um Taiwans Getränke zu verstehen, muss man zunächst verstehen, warum die Taiwaner Alkohol trinken. In vielen Kulturen ist Alkohol ein beiläufiger Begleiter zum Essen, eine Möglichkeit, sich zu entspannen. In Taiwan jedoch ist Trinken vor allem etwas Zwischenmenschliches. Trinken ist ein Ritual der Verbindung: Es verwandelt Fremde in Freunde, besiegelt Geschäftsabschlüsse und überbrückt die Kluft zwischen den ersten zehn unangenehmen Minuten einer Zusammenkunft und der herzlichen, ungezwungenen Kameradschaft, die darauf folgt.
Den deutlichsten Einblick in diese Philosophie bietet der Unterschied zwischen dem westlichen „Cheers“ und dem taiwanischen 乾杯 (gān bēi). „Cheers“ ist ein guter Wunsch. „Gān bēi“, wörtlich „trockenes Glas“, fordert dazu auf, das Glas auszutrinken. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wenn wir zusammen trinken, dann gehen wir gemeinsam bis zum Grund. Und anders als das eher informelle englische „bottoms up“ wird gān bēi selbst bei formellen geschäftlichen Anlässen ganz selbstverständlich verwendet.
In der traditionellen taiwanischen Geschäftskultur konnte dieser Gemeinschaftsgeist allerdings auch eine deutlich forderndere Seite annehmen. Wer zu einem Abendessen zu spät erschien, musste einst drei Strafschnäpse hinunterkippen (遲到罰三杯), in schneller Folge geleert, während die Gastgeber mit fröhlicher, aber erbarmungsloser Genugtuung zusahen. Dieses Ritual hatte seinen Zweck: Es war ein Schnellverfahren zum Eisbrechen, eine Methode, soziale Distanz niederzureißen und den Zuspätkommenden rasch in den Rhythmus der Gruppe einzubinden. Hinzu kam eine unausgesprochene Regel: Sobald die Gläser einmal angestoßen waren, mussten sie auch geleert werden (敲杯就要乾杯). Wenn jedes Anstoßen ein kleines Versprechen bedeutete und am Tisch ein Klirren auf das nächste folgte, konnte die Trinkkultur Taiwans in früheren Zeiten durchaus auch als stressig empfunden werden.
Die jüngere Generation Taiwans hat sich von dieser Intensität im Großen und Ganzen verabschiedet. Der Ausdruck 小酌怡情 – wörtlich „ein kleiner Drink nur des Genusses wegen“ – bringt die neue Stimmung auf den Punkt: Mäßigung, Geschmack, Wertschätzung. Die Trinkspiele unter sozialem Druck bei Firmenbanketten sind Craft-Beer-Bars im Da’an Viertel von Taipeh und Whiskyverkostungen in umgebauten Lagerhallen gewichen. Doch die zugrunde liegende Herzlichkeit, das Bedürfnis des Teilens und des Verweilens, ist unverändert geblieben. Für jeden Besucher, der sich im gesellschaftlichen oder beruflichen Taiwan bewegt, ist das Verständnis für den Rhythmus des Tisches – wann man das Glas erhebt, was man sagt, wann man einen großen Schluck nimmt – eine eigene Form kultureller Gewandtheit. Wenn Sie also mit taiwanischen Geschäftspartnern zum Abendessen ausgehen, kann es nicht schaden, mit dem eben erworbenen Wissen über die hiesige Trinkkultur zu glänzen. Das wird die Beziehung mit Sicherheit ebenso schnell erwärmen wie der Alkohol Ihre Wangen.
Westliche Klassiker, neu geboren unter subtropischer Sonne
Taiwan besitzt die besondere Gabe, Vertrautes aufzugreifen und etwas ganz Eigenes daraus zu machen. Whisky, Bier und andere westliche Klassiker erhalten, gefiltert durch das subtropische Klima der Insel und die rastlose Kreativität, einen Charakter, der zwar unverkennbar international aber doch eindeutig taiwanisch ist. Für alle, denen Taiwans Geschmackswelt neu ist, sind sie der einladendste Ausgangspunkt.
Whisky: Der Geist von Status und Raffinesse
Zu sagen, dass man in Taiwan eine außergewöhnliche Menge an Scotch Whisky konsumiert, ist keine Übertreibung, sondern eine Tatsache, die sich aus den Exportstatistiken ablesen lässt. Nach Angaben der Scotch Whisky Association (SWA) zählt Taiwan seit Jahren beständig zu den fünf größten Absatzmärkten weltweit für Scotch-Whisky-Exporte und belegte 2023 bis 2024 etwa den vierten Platz, nur hinter den Vereinigten Staaten, Frankreich und Singapur. Für eine Insel mit 23 Millionen Einwohnern ist diese Zahl bemerkenswert.
Die Gründe dafür sind ebenso kultureller wie geschmacklicher Natur. Jahrzehntelang besaß eine Flasche Johnnie Walker Blue oder ein Single Malt aus Islay in der taiwanischen Geschäftskultur besonderes Gewicht: Sie war ein sichtbares Kürzel für Erfolg und Großzügigkeit und stand gut sichtbar auf Restauranttischen bei Firmenessen, bei denen der Eindruck zählte. Whisky und Ehrgeiz wurden so stillschweigend beinahe zu Synonymen.
Doch Taiwans Beziehung zum Whisky beschränkte sich nicht auf den Import. Im Jahr 2005 errichtete die King Car Group – international und besonders im Nahen Osten eher durch ihren Kaffee Mr. Brown bekannt – in der sauberen, regenreichen Landschaft des nordosttaiwanischen Landkreises Yilan eine Destillerie. Aus diesem still gewagten Experiment ging Kavalan Whisky hervor.

Destilliert im Landkreis Yilan im Nordosten Taiwans, profitiert Kavalan von zwei geologischen Geschenken: außerordentlich reinem Bergquellwasser und einem subtropischen Klima, das die Wechselwirkung zwischen Destillat und Eichenfass beschleunigt. Während ein schottischer Malt vielleicht zwölf Jahre lang in einem Lagerhaus ruht, atmen und schwitzen Kavalans Fässer in Taiwans Hitze und Feuchtigkeit und erreichen eine vergleichbare Tiefe in nur einem Bruchteil der Zeit. Mit seinem tropisch-fruchtigen Charakter und ohne jene salzig-maritimen Noten, die man mit seinen schottischen Vettern verbindet, hat Kavalan Medaillen bei den World Whiskies Awards gewonnen und wird mit einigen der angesehensten Whiskys Schottlands verglichen.

Dieser warme, vollmundige und unverkennbar taiwanische Whisky hat auch die Herzen zahlreicher koreanischer und japanischer Whisky-Liebhaber erobert. Wenn Sie also das nächste Mal in Taiwan sind, lernen Sie doch die Landschaft und das Klima der Insel mit Ihrem Gaumen und einem Glas kennen!

Bier: Die Seele der heißen Wokküche
Keine ernstzunehmende Darstellung taiwanischer Trinkkultur kommt am Bier vorbei. Und keine Erfahrung mit taiwanischem Bier ist vollständig ohne den Rahmen, in dem es gewöhnlich konsumiert wird: ein 熱炒 (rè chǎo)-Restaurant, was sinngemäß übersetzt „heißes Pfannengericht“ bedeutet. In der Praxis bezeichnet es jedoch eine herrlich chaotische, nach vorne offene Küche, in der Bestellungen im Minutentakt eintreffen, die Woks geräuschvoll brodeln und kaltes Bier weniger eine Option als vielmehr ein tragendes Element ist.

Der unangefochtene König dieser Welt ist Taiwan Beer, die nationale Marke der Insel, sofort erkennbar an ihrem grünen Etikett und der goldenen Flüssigkeit. Taiwan Beer wird seit der japanischen Kolonialzeit gebraut und nimmt in der kollektiven Wahrnehmung einen Platz ein, der über bloße Markentreue hinausgeht: Es gehört schlichtweg zum Inventar des taiwanischen Lebens. Zu seinem klassischen Lagerbier – klar, leicht malzig und am besten eiskalt genossen – gesellten sich im Laufe der Jahrzehnte eine mildere Gold-Medal-Variante sowie mehrere saisonale Editionen mit Fruchtaromen. Doch der wahre Schatz, der echte Verehrung hervorruft, ist das 18-Tage-Frischfassbier.
Ungefiltert und unpasteurisiert hat das 18-Tage-Frischfassbier von Taiwan Beer eine Haltbarkeitsdauer von nur 18 Tagen ab Braudatum. Es wird daher niemals exportiert und entfernt sich nur selten weit von der Insel. Das ist keine Marketingmasche, sondern ein Versprechen auf Frische. Es in Taiwan zu trinken bedeutet, etwas zu verkosten, das tatsächlich nirgendwo sonst auf der Welt erhältlich ist.

Tiefer eintauchen: Die Seelenspirituosen Taiwans
Für alle, die über den international bekannten Malt Whisky und Craft-Lager hinausgehen möchten, bietet Taiwan eine Reihe von Getränken, die außerhalb der Insel schwerer zu finden sind, aber den Charakter des Landes weitaus besser zum Ausdruck bringen. Es handelt sich um Spirituosen und fermentierte Getränke, die in Getreide, Traditionen und Geschichte verwurzelt sind.
Reiswein: Das Wasser, das mitkocht
Wenn Sie jemals an einem taiwanischen Winterabend eine Schüssel Sesamöl-Hühnchen (麻油雞) gegessen oder sich mit Ingwer-Entensuppe (薑母鴨) aufgewärmt haben, haben Sie bereits Reiswein probiert, ohne es zu merken. 米酒 (mǐjiǔ), Taiwans Reiswein, ist die grundlegende Flüssigkeit der heimischen Küche. Er kommt in Marinaden, verleiht Brühen mehr Tiefe und wird mit derselben unbewussten Leichtigkeit dazugegeben, mit der in einem mediterranen Haushalt Olivenöl verwendet wird. Man trinkt ihn nicht pur – man kocht mit ihm, und er ist vollkommen unersetzlich.

Ende der 1990er Jahre zwangen Taiwans Beitrittsverhandlungen zur Welthandelsorganisation die Regierung dazu, die Steuern auf Reiswein zu erhöhen, was zu einem drastischen Preisanstieg führte. Die Ankündigung löste etwas aus, das man als leichte nationale Hysterie bezeichnen kann: Die Regale der Supermärkte wurden leergeräumt, Vorräte gehortet, und der Vorfall – später als „Reiswein-Chaos“ (米酒之亂) bezeichnet – ging in das kulturelle Gedächtnis als Beweis dafür ein, wie tief diese bescheidene Flüssigkeit im Alltag der Taiwaner verwurzelt ist. Wenn ein Land wegen des Preises einer Kochzutat in Panik gerät, ist diese Zutat nicht nur praktisch – sie ist unverzichtbar.
Kinmen Kaoliang: Feuer von der Front

Nur wenige Spirituosen vereinen so viel Geschichte in einer einzigen Flasche wie Kinmen Kaoliang. Diese von der Regierung hergestellte Spirituose im Baijiu-Stil, die auf einem kleinen taiwanischen Archipel nur vier Kilometer vor der chinesischen Küste aus Sorghum destilliert wird, entstand im Schatten des Krieges. Die Brennerei wurde während des Kalten Krieges gegründet, als Kinmen eines der am stärksten befestigten und am häufigsten beschossenen Gebiete der Welt war. Heute reift die Spirituose im 88-Tunnelsystem (八八坑道), einem Netzwerk unterirdischer Militärbunker, die zu natürlich temperaturgeregelten Reifekellern umfunktioniert wurden. Die Geschichte verleiht buchstäblich jedem Schluck einen besonderen Geschmack.
Die Standardsorte wird mit 58 % Vol. abgefüllt: klar, aromatisch mit Noten von geröstetem Getreide und absolut kompromisslos in ihrer Schärfe. Für Generationen taiwanischer Männer, die ihren Wehrdienst an diesem abgelegenen Außenposten absolvierten, wurde es zu einem Übergangsritus, bei der Entlassung ein paar Flaschen mit nach Hause zu nehmen: ein Andenken an Entbehrungen, Jugend und Zusammenhalt, das jahrzehntelang aufbewahrt und erst in Gesellschaft derer geöffnet wurde, die genau wussten, was es bedeutete, sich diese Flaschen zu verdienen.
Gān bēi, das Glas wartet schon!
Taiwans Getränkeindustrie hat sich von einer lokalen Notwendigkeit hin zu einer globalen Ambition weiterentwickelt. Kavalan nimmt an den renommiertesten Wettbewerben der Welt teil. Kinmen Kaoliang ist in ganz Asien und in Fachgeschäften weltweit erhältlich. Doch das authentischste Erlebnis bleibt auf der Insel selbst: an einem Tisch mit gutem Essen, guter Gesellschaft und jemandem, der anbietet, einzuschenken.


