Für die meisten Erstbesucher beginnt und endet Taiwan in Taipeh – und das aus gutem Grund. Die Nachtmärkte der Hauptstadt pulsieren bis spät in die Nacht, die MRT bringt ihre Fahrgäste in wenigen Minuten quer durch die Stadt, und die Skyline, geprägt vom ikonischen Taipei 101, vermittelt mit stiller Selbstverständlichkeit den Eindruck einer Metropole von Weltrang. Doch erfahrene Reisende kennen eine Wahrheit, die in Tourismusbroschüren selten an erster Stelle zu finden ist: Das wahre Wesen eines Landes liegt selten an seinem glänzendsten Ort.
Wer Taiwans vielschichtige Geschichte, seine Vulkanlandschaften, die Traditionen der Ureinwohner und seine fast schon obsessive Liebe zum guten Essen wirklich verstehen will, muss sich auf den Weg nach Süden und Osten machen. Taiwan vereint eine fast unvorstellbare Vielfalt an Landschaften auf einer Insel, die kleiner ist als die Schweiz: hoch aufragende Gebirgsketten, Marmorschluchten, weitläufige Pazifikküsten und historische Straßenzüge – und das alles nur wenige Stunden voneinander entfernt. An einem einzigen Tag kann man von einem trendigen Stadtcafé in einen nebelverhangenen Urwald gelangen. In zwei oder drei Stunden kommt man sogar von hoch gelegenen Teegärten zum offenen Meer.
Was nun folgt, ist keine Checkliste. Es ist eine Einladung in vier Regionen, die zusammen eine großartige Reiseroute voller Kultur, Ökologie, Geschichte und entschleunigender Wunder bilden.
Tainan – Wo Taiwans Geschichte ihren Anfang nimmt
Wenn Taipeh das Gesicht Taiwans ist, dann ist Tainan sein Gedächtnis. Die älteste Stadt der Insel feierte im Jahr 2024 ihr 400-jähriges Bestehen. In der kulturellen Wahrnehmung der Taiwaner nimmt Tainan eine ähnliche Stellung ein wie Kyoto in Japan oder Rom in Italien – als ein lebendiges Archiv, in dem die Vergangenheit nicht hinter Museumsvitrinen aufbewahrt wird, sondern den Alltag bis heute prägt.

Die Geschichte der Stadt ist gewissermaßen die Geschichte Taiwans im Kleinen. In den 1620er-Jahren errichteten Kaufleute der Niederländischen Ostindien-Kompanie hier mit dem Fort Zeelandia (heute Anping Fort 安平古堡) einen strategisch wichtigen Handelsposten und mit Fort Provintia (heute Chihkan Tower 赤崁樓) das Verwaltungszentrum ihrer Kolonie. Die ungewöhnliche Verbindung europäischer Festungsarchitektur mit massiven steinernen Fundamenten und asiatischen Gestaltungselementen – gekrönt von weit geschwungenen Dächern mit roten Ziegeln – zieht Besucher bis heute unweigerlich in ihren Bann. Es folgten Anhänger der Ming-Dynastie (unter dem Königreich Tungning), Verwaltungsbeamte der Qing-Dynastie und japanische Kolonialplaner, die jeweils architektonische und kulturelle Spuren hinterließen, die Tainan bis heute seinen unverwechselbaren Charakter verleihen.

Diese Vielschichtigkeit kommt vielleicht am schönsten in der Shennong-Straße (神農街) zum Ausdruck, einer Gasse aus der Qing-Zeit mit jahrhundertealten Ladenhäusern, die durch Taiwans „Old House, New Life“-Bewegung still und leise zu neuem Leben erweckt wurde: eine Bürgerinitiative, bei der Denkmalschützer, Architekten und lokale Unternehmer zusammenarbeiten, um historischen Gebäuden neues Leben einzuhauchen, anstatt sie abzureißen. Heute beherbergen die alten Holzfassaden der Straße unabhängige Kaffeeröstereien, Keramikwerkstätten, Ateliers für Naturfarbstoffe und Literaturbuchhandlungen. Kaum ein anderer Ort zeigt so eindrucksvoll, dass Geschichte nicht konserviert und abgeschirmt werden muss – sie wird hier ganz selbstverständlich weitergelebt.

Und dann ist da natürlich noch das Essen – ein Kapitel, für das Superlative kaum ausreichen. Von CNN Travel zu einem der schönsten Reiseziele der Welt gekürt, gilt die Stadt weithin als kulinarische Hauptstadt einer ohnehin schon von Essen besessenen Insel. Die Inspektoren des Michelin Bib Gourmand empfehlen immer wieder die berühmte Rindfleischsuppe, die traditionell bereits in den frühen Morgenstunden serviert und mit Fleisch von frisch geschlachteten Rindern zubereitet wird. Ebenso bekannt sind die Danzai-Nudeln, verfeinert mit gebratener Garnelenpaste und langsam geschmortem Schweinefleisch sowie das klassische Austernomelett. Die Gerichte, auf die die Einheimischen jedoch besonders stolz sind, finden sich oft gar nicht in den Reiseführern: Garnelenreis, herzhafter Reisbrei, Migao (米糕) – würziger Klebreis – oder Wanguo (碗粿) – gedämpfte Reiskuchen. Tainan gilt außerdem als einer der zwei möglichen Geburtsorte der mittlerweile legendären Bubble-Tea-Kultur. Bis heute gehören die handgemixten Getränke der Stadt zu den kreativsten in ganz Taiwan. Wer sich durch Tainan kostet, entdeckt weit mehr als nur regionale Spezialitäten – man versteht eine der zentralen Überzeugungen der taiwanischen Esskultur: dass eine mit Sorgfalt zubereitete, ehrliche Schüssel guten Essens zu den größten Freuden des Lebens gehört.
Hualien & Taitung: Taiwans wilder, heilsamer Osten
Fragt man internationale Besucher, was sie mit Taiwan verbinden, hört man meist dieselben Antworten: Bubble Tea, Nachtmärkte oder vielleicht der Taipei 101. Weitaus seltener wird die Ostküste erwähnt – dabei eröffnet sich hier eine Seite Taiwans, die mit spektakulären Naturlandschaften und einer lebendigen indigenen Kultur begeistert.

Der Abschnitt Hualien-Taitung, meist einfach Hualien-Taitung oder „Hua-Dong“ genannt, erstreckt sich entlang der Pazifikküste und wird im Westen von der mächtigen Zentralgebirgskette abgeschirmt. Dadurch ist eine Landschaft von außergewöhnlicher Schönheit entstanden. Die Taroko-Schlucht, eine 19 Kilometer lange Marmorschlucht, die der Liwu-Fluss über Jahrtausende in den Fels gegraben hat, zählt zu den eindrucksvollsten geologischen Formationen Asiens. Ihre steil aufragenden weißen und grauen Felswände ragen mehrere Hundert Meter über das tosende türkisfarbene Wasser empor. Nicht weit entfernt stürzen die Qingshui-Klippen fast 2.000 Meter nahezu senkrecht in den Pazifik – ein spektakuläres Zusammentreffen von Hochgebirge und offenem Meer. Diese einzigartige Küstenlandschaft macht die Region seit Jahren zu einem regelrechten Pilgerort für Radfahrer und Wanderer aus aller Welt. Sie kommen, um den legendären Provincial Highway 11 (臺11線) zu erleben – mit dem Meer auf der einen und den Bergen auf der anderen Seite.

Weiter südlich offenbart sich im Hua-Dong-Tal eine andere Art von Pracht – eher horizontal als vertikal. Die Reisfelder von Chishang (池上), deren geometrisch angelegte Parzellen wie ein kunstvoll gewebter Teppich zwischen grünen Hügeln eingebettet sind, haben in Taiwan fast schon Kultstatus erlangt. Der sogenannte „Brown Boulevard“ (oder Bolang Avenue, 伯朗大道) bietet ein idyllisches Panorama, das im Herbst, wenn sich die Felder goldgelb färben, fast schon unwirklich schön wirkt.

Doch die Ostküste hat mehr zu bieten als nur landschaftliche Schönheit. Sie ist auch die Region, in der sich die Kulturen der indigenen Völker Taiwans bis heute besonders authentisch erhalten haben. Viele dieser Ethnien gehören zur austronesischen Sprachfamilie, deren Nachfahren – wie wissenschaftliche Forschungen zeigen – von den Māori Neuseelands über die Völker Polynesiens und der Philippinen bis nach Madagaskar reichen. Besucher haben die Möglichkeit, Zeit in den indigenen Dorfgemeinschaften der Bunun und Amis zu verbringen und an Slow-Food-Traditionen teilzunehmen, bei denen das Kochen direkt mit der Bewirtschaftung des Landes, den Rhythmen der Jahreszeiten und dem Wissen der Vorfahren verbunden ist. Traditionelles Weben, Musik und Architektur sind keine für Touristen inszenierten Darbietungen, sondern Praktiken, die von lebendigen Gemeinschaften gepflegt werden.

Alishan: Legenden im Nebel

Es gibt Zugfahrten – und dann gibt es Alishan (阿里山). Die Alishan-Waldbahn, die neben der Darjeeling-Himalaya-Bahn in Indien und dem Andean Explorer in Peru zu den großartigsten Bergbahnstrecken der Welt zählt, ist ein technisches Wunderwerk, das sich bereits seit der japanischen Kolonialzeit durch Zedern- und Zypressenwälder schlängelt. Während der kleine rote Zug in weniger als vier Stunden fast 2.200 Meter Höhe überwindet, begeistern seine berühmten Zickzackkurven an bestimmten Steigungen und die Spiralkurven rund um den Berg Duli Eisenbahnliebhaber und Gelegenheitsreisende gleichermaßen.

Doch Alishans Ruhm beruht ebenso auf dem, was sich dem Besucher auf dem Gipfel bietet. Die „fünf Wunder“ des Berges – Sonnenaufgang, Wolkenmeer, Urwald, Sonnenuntergang und die Eisenbahn selbst – haben ihn zu einem der beliebtesten Naturreiseziele Taiwans gemacht. Im Morgengrauen erleben Besucher, die früh genug aufgestanden sind, um die Aussichtsplattform Zhushan zu erreichen, ein Phänomen, das fast wie choreografiert wirkt: Die Sonne erhebt sich über dem Horizont, und die Täler darunter füllen sich mit wogenden weißen Wolken, über denen die Gipfel des Yu Shan (Jadeberg, Taiwans höchster Berg) wie Inseln schweben. Durch die uralten roten Zypressenwälder (von denen einige über tausend Jahre alt sind und deren Stämme breiter sind als kleine Häuser) fällt das Morgenlicht in langen, kathedralenartigen Säulen.
Auch Teeliebhaber kommen am Alishan voll auf ihre Kosten. Das Hochgebirgsklima und die mineralreichen Böden schaffen ideale Bedingungen für Oolong-Tees, die zu den besten der Welt zählen. Rund um das Dorf Shizhuo (石棹) öffnen kleine Farmen ihre Türen für Besucher und zeigen den gesamten Herstellungsprozess – von der sorgfältigen Handpflückung über das Welken in der Sonne und das Rollen der Blätter bis hin zur schonenden Röstung, die dem Alishan-Oolong sein charakteristisch blumiges Aroma und seine feine Süße verleiht. Es ist eine langsame, meditative Erfahrung, die dazu einlädt, den Alltag hinter sich zu lassen und sich dem entschleunigten Rhythmus des Alishan hinzugeben.

Sonne-Mond-See – Poesie auf stillem Wasser
Taiwans größter natürlicher See liegt im nebelverhangenen Hochland des Landkreises Nantou (南投縣). Seine nördliche Hälfte erinnert an eine strahlende Sonne, während der südliche Teil die Form einer Mondsichel besitzt. Das ist der Sonne-Mond-See (日月潭) – ein Name, der ausnahmsweise nicht zu viel verspricht.

Der See bildet den denkbar größten Kontrast zur wilden Ostküste. Hier bestimmen Stille, Gelassenheit und ein entschleunigtes Lebenstempo den Rhythmus des Tages. Je nach Tageszeit und Wetter verändert das Wasser seine Farbe – von silbrig schimmernd im Morgengrauen über tiefes Jadegrün zur Mittagszeit bis hin zu einem warmen Korallenrosa am Abend. Die umliegenden Hügel sind mit Teeplantagen bedeckt. Hier wächst unter anderem der berühmte Sun Moon Lake Ruby Red Tea, eine Schwarzteesorte, die in den 1990er-Jahren entwickelt wurde und die inzwischen zu einem der renommiertesten Schwarztees Asiens geworden ist. Sein natürliches Aroma mit feinen Noten von Zimt und Minze gilt als einzigartig und ist außerhalb dieser Region kaum zu finden.
CNN Travel hat die Radroute am Sonne-Mond-See einmal zu einer der zehn schönsten der Welt gekürt. Die rund 33 Kilometer lange Strecke verläuft direkt am Ufer entlang und wurde nicht für Höchstgeschwindigkeiten, sondern für entspanntes Genießen konzipiert. Familien, Paare und Alleinreisende radeln vorbei an Tempeln, Wasserbüffelweiden und Aussichtspunkten, die immer wieder den Blick auf das harmonische Zusammenspiel von See und Bergen freigeben.

Auch die Tempel verleihen dem See seine besondere Atmosphäre. Der Wenwu-Tempel (文武廟) wacht über das Nordufer, während der Xuanzang-Tempel (玄奘寺) Reliquien des berühmten buddhistischen Mönchs Xuanzang aus der Tang-Dynastie beherbergt. Dadurch ist der Sonne-Mond-See weit mehr als ein klassischer Ferienort – er besitzt eine ruhige, beinahe kontemplative Ausstrahlung. Hier fühlen sich anspruchsvolle Reisende ebenso wohl wie Rucksacktouristen mit kleinem Budget. Luxushotels wie das The Lalu zählen zu den exklusivsten Resorts Asiens, doch letztlich verbindet alle Besucher dieselbe Erfahrung: innezuhalten und zu beobachten, wie das Licht langsam über die Wasseroberfläche wandert.
Die Einladung
Taipeh wird immer das internationale Schaufenster Taiwans bleiben. Die moderne Infrastruktur, die lebendige Atmosphäre, die außergewöhnliche Gastronomie und das pulsierende Nachtleben machen die Hauptstadt zum perfekten Ausgangspunkt einer jeden Taiwanreise. Doch ein Ausgangspunkt ist – per Definition – noch nicht das eigentliche Reiseziel.
Die vier Regionen dieses Reiseführers erzählen eine andere Geschichte: die historischen Gassen Tainans, die wilde Pazifikküste im Osten, die nebelverhangenen Bergwelten des Alishan und die stille Schönheit des Sonne-Mond-Sees. Gemeinsam zeigen sie das Herz eines Landes, das warmherzig, vielschichtig und voller Überraschungen ist. Schließlich ist Taiwan eine Insel, die ihre größten Schätze nicht auf den ersten Blick preisgibt. Je tiefer man in sie eintaucht, desto mehr hat sie zu erzählen.


